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MKL1888:Wedântasystem

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Wedântasystem“ in Meyers Konversations-Lexikon
Seite mit dem Stichwort „Wedântasystem“ in Meyers Konversations-Lexikon
Band 16 (1890), Seite 468469
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Wedântasystem. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 16, Seite 468–469. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Wed%C3%A2ntasystem (Version vom 23.03.2025)

[468] Wedântasystem, eins der sechs (nach andern drei) Hauptsysteme der indischen Philosophie und zwar dasjenige, welches einerseits (im Unterschied von der Mimânsa) wirkliche Philosophie, anderseits (im Unterschied von beiden Sânk’hyas, der Nyâya- und der Waisêschika-Philosophie) auf den Inhalt der heiligen Bücher (Weden), statt auf unabhängiges Nachdenken gestützte Philosophie ist, woher auch sein Name: „Ziel (oder Ende) der Weden“ abgeleitet wird. Dasselbe hat, wie alle (indische) Philosophie, mit der (indischen) Religion den (praktischen) Zweck, die Befreiung von der Qual des Wiedergeborenwerdenmüssens, gemein, unterscheidet sich aber von dieser, welche den genannten Zweck durch Opfer und äußere Zeremonien (Bußübungen u. dgl.) zu erreichen sucht, dadurch, daß ihr Befreiungsmittel nicht nur (wie dies auch bei den Sânk’hyas, der Nyâya und Waisêschika der Fall ist) ein geistiges, sondern (wie es bei den vorgenannten nicht der Fall ist) in erster Reihe (ähnlich wie bei der scholastischen Philosophie des Mittelalters in ihrem Verhältnis zur Offenbarung des Evangeliums) das Studium und die vertiefende Auslegung und wissenschaftliche Abrundung des Inhalts der Weden ist. Da nun den Weden zufolge ein Urwesen (Brâhma) existiert, das seiner Natur nach unveränderlich und wandellos, die Wandelbarkeit aber, als deren schärfster Ausdruck die Notwendigkeit des (in neuer Gestalt) Wiedergeborenwerdens erscheint, die Quelle unaufhörlicher Unseligkeit (der Qual des sich immer von neuem wiederholenden Sterbens) ist, so liegt die einzige dauernde Möglichkeit der Befreiung und die einzige Quelle dauernder Seligkeit in der Gewinnung der Einsicht, mit dem Urwesen eins und dadurch der Gefahr, dem Wandel unterworfen, vom Tod entrafft und abermals geboren zu werden, auf ewig entrückt zu sein. [469] Diese Einsicht zu verleihen, ist der Zweck des Wedântasystems, und es erreicht denselben, indem es (monistisch) das wahrhaft Seiende für ein einziges und unveränderliches Wesen, dagegen die Vielheit und Mannigfaltigkeit jeder Art (idealistisch) für bloßen (trügerischen) Schein, also auch die Verschiedenheit des Einzelnen vom Urwesen sowie dessen Selbständigkeitsexistenz als Individuum für eine scheinbare (erträumte; „Traum der Maja“) ansehen lehrt. „Ich bin tât (das)“ ist das Resultat des Denkens; der Weise vereinigt sich mit dem Urwesen Brâhma, ist keiner Seelenwanderung unterworfen und kehrt nach dem (irdischen) Tod unmittelbar in Brâhmas Schoß zurück. Seinem Ursprung nach ist das W. jünger als die Sânkh’yas und schließt sich an die jüngern Erzeugnisse der Wedenlitteratur, die Upanischads, an; dargestellt ist es am bündigsten in dem Brâhma-Sûtra, und der Philosoph Sankarâdschârya im 7. und 8. Jahrh. n. Chr., der Begründer der „Advaita“ (s. d.) genannten Sekte, gehört seiner Schule an. Vgl. Indische Religion und Philosophie.