Basilius von Ramdohr: Venus Urania. Ueber die Natur der Liebe, über ihre Veredelung und Verschönerung/Zweyter Theil | |
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Mädchens Augen halten des Geliebten Blick, sein Herz hält die Warnung der jungfräulichen Züchtigkeit nicht aus. O Liebe! du bist erfindsam! Das Mädchen kehrt sich von ihm, aber es fängt sein Bild in einem Spiegel auf, schaut es an, – drückt einen Kuß auf den Abglanz, und entflieht.
Welch eine Form der höchsten Feinheit zur Einkleidung der Liebe! Nein! So etwas lehrt nur sie!
Vergleicht mit dieser Geschichte das lüsterne Mädchen beym Virgil, das den Schäfer mit zugeworfenen Aepfeln neckt, und sich dann, nicht ohne gehörige Vorsicht, vorher gesehen zu werden, hinter Gesträuchen verbirgt. – Auch hier ist ein feiner, reitzender Ausdruck. Aber gehört er der Liebe? Nein! Er gehört der Geschlechtssympathie!
Der Mensch kann in seinen Verhältnissen gegen die Liebe edel erscheinen, aber seine Liebe ist darum nicht edel. Oft zeigt er sich gerade dadurch edel, daß er seiner Pflicht seine Liebe zum Opfer bringt.
Interessanter Streit der Liebe mit der Pflicht! Wie oft wirst du gekämpft! Seht jene Gattin an, das unglückliche Schlachtopfer menschlicher Conventionen, gebunden an einen Gemahl, der, unwerth ihrer Liebe, Bitterkeit auf jeden Genuß ihres Lebens ausschüttet! Eine sichere Flucht kann sie retten, kann sie auf ewig mit
Basilius von Ramdohr: Venus Urania. Ueber die Natur der Liebe, über ihre Veredelung und Verschönerung/Zweyter Theil. Georg Joachim Göschen, Leipzig 1798, Seite 61. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Ramdohr-Venus_Urania-Band_2.djvu/61&oldid=- (Version vom 1.8.2018)