Die Quelle (Fünfte Sammlung)
Eine reiche Quelle floß auf öffentlichem Platz; ihr Wasser ward zu vielfachem Gebrauch der Menschen hie und dorthin abgeleitet, in den Pallast, in die Häuser der Kranken und Gesunden, in die öffentlichen Gebäude. Nirgend fehlte Wasser, jedem Ort floß es in seinen Röhren zu.
Da ließ sich der, der den Pallast bewohnte, von den Künstlern einreden, in seinem Pallast einen prächtigen Brunn aufzuführen, aus dem fortan durch geheime Röhren das Wasser jedermann mitgetheilt werden sollte; und zwar sollten Thierfiguren in mancherlei Gestalt es hie und dort ausspritzen.
Damit dies ins Werk gerichtet werden könnte, wurden die Röhren, die von der öffentlichen Quelle leiteten, zuerst vermindert, nachher ganz weggethan, und zuletzt alles Wasser in den Pallast geleitet.
Aber siehe, ein Wunder! Der Brunn des Pallasts trocknete aus; und doch konnte man davon keine Ursache finden, weder im Himmel noch auf der Erde.
Die Physiker wurden gefragt; da trat Einer hervor und sagte: „Wundert euch nicht, meine Brüder. Des heiligen Wassers Natur ist diese, daß wenn es zur Privatquelle werden soll, es austrockne und sich in die Erde verliere; ja wer nur mit ungeweihtem Munde es berühret, dem wird es die Eingeweide verzehren.“